Tag 2 (Dienstag) - Lustlosigkeit

Dienstags habe ich um 8 Uhr meine Therapie-Sitzung.

Momentan bin ich sehr genervt, weil mir alles zu langsam geht. Ich hatte mir von der Therapie erhofft, dass ich binnen weniger Monate mein altes Leben bzw. ein angstfreies Leben zurück habe. Stattdessen bekomme ich von meiner Therapeutin jedes Mal nervige Fragen aufgedrückt und unterhalten uns dann die ganze Stunde darüber. Diesmal geht es um das was nach dem Tod kommt. Ich habe hierzu meine ganz eigene These aufgestellt:

Wenn wir sterben, erlangen wir ein allumfassendes Wissen. Jede begangene Tat, jeder Gedanke, jedes Wort alles was wir in unserem Leben getan oder nicht getan haben wird uns gewahr. Wir erfahren woher alles kommt und wohin alles geht. Alle unbeantworteten Fragen, welche uns auf der Seele gebrannt haben werden beantwortet. Wir blicken zurück auf unser vergangenes Leben und wissen ob und wann wir es bestmöglich genutzt haben oder eben auch nicht. Meiner Meinung nach gibt es keine Bestrafung wie z.B. das Höllenfeuer o.ä. Allein die Tatsache, dass wir erkennen, dass wir unser Leben vielleicht nicht bestmöglich genutzt haben, dass wir anderen Schaden zugefügt haben oder was auch immer, ist Strafe genug. Und wenn wir nach unserem Tod auf unser Leben zurückblicken und erkennen, dass wir es gut genutzt haben - was für eine größere Belohnung könnte es schon geben...

Diese These gibt mir die Kraft, um weiter an das Leben zu glauben. Sie gibt mir Hoffnung. Nach dem Tod meines Exfreundes mit 22 Jahren habe ich lange am Leben an sich und seinem Sinn gezweifelt. Es war für mich nicht nachvollziehbar, warum ein so junger Mensch, der das Leben so sehr genossen hat und so gerne gelebt hat, so früh von uns gehen musste. Es war für mich auch nicht nachvollziehbar, warum mein Großvater auf die Idee kam, sich an mir als 11-jähriges Mädchen zu vergreifen. Und auch, dass meine Oma, welche mir mehr Bezugsperson war als jeder andere Mensch, als allererste Person aus meinem Leben gerissen wurde. Wenn ich nicht daran glauben könnte, dass all diese bohrenden Fragen nach meinem Tod beantwortet würden, könnte ich sie in diesem Leben nicht ruhen lassen.

Alles andere, also was nach dieser Erkenntnis geschieht, ob wir wiedergeboren werden oder unser "Ich" sich einfach auflöst ist mir unklar. Und da ich es im Diesseits auch nicht erfahren werde und somit alles nur Spekulationen wären, finde ich es überflüssig, mir darüber Gedanken zu machen. Aus diesem Grund würde ich auch nie versuchen jemand anderem meinen Glauben aufzuzwingen oder mich mit jemandem über seinen Glauben streiten. Wer weiß denn schon, wer Recht behält? Meine Therapeutin sieht das anders. Sie fragt mich zu jedem Detail aus, will alles immer noch ganz genauer wissen. Also ziehe ich mir genervt Antworten aus dem Ärmel und sie schließt die Sitzung 15 Minuten vor dem eigentlichen Ende. Vielleicht habe ich aus Versehen meine Augen gerollt...

Ich habe eine lange ToDo-Liste mit zig Dingen, die noch zu erledigen sind. Aber seit ich um 9 Uhr von der Therapie zurückgekommen bin und mich auf die Couch gesetzt habe um zu frühstücken und TV zu sehen ist nicht mehr wirklich viel passiert... und jetzt ist es ungefähr 13 Uhr. Eigentlich wollte ich meine letzten freien Wochen vor Antritt des neuen Jobs noch in vollen Zügen genießen, aber ich kann mich einfach zu nichts aufraffen. Ich habe Angst, dass ich eine Depression habe, Angst davor, dass mich meine Launen, meine Lustlosigkeit, meine Angst und alle damit einhergehenden Begleiterscheinungen an der Ausübung meines neuen Jobs hindern. Wenn ich daran denke, dass ich an manchen Tagen Termine wahrnehmen MUSS, obwohl ich aufgrund der Derealisation an diesem Tag zu nichts fähig bin, wird mir schwindelig und Nervosität breitet sich aus.

Wenigstens zum Yoga kann ich mich aufraffen, worüber ich wirklich erstaunt bin. Anscheinend habe ich etwas gefunden, was mir wirklich Spaß macht. Ein wenig missmutig laufe ich zum Yoga-Zentrum und mache mich währenddessen über mich selbst lustig, weil ich so viele negative, motzige Gedanken habe. Mit ein bisschen Selbstironie geht es mir dann gleich ein wenig besser. Nach dem Yoga schaffe ich es einkaufen zu gehen und fühle mich nur auf dem nach Hause Weg ein wenig gehetzt. Es ist keine wirkliche Angst, aber ich will nach Hause und aus irgendeinem Grund bin ich unruhig, als ob es sich bei meinem zu Hause um ein schwer zu erreichendes Ziel handelt.

14.7.15 20:38, kommentieren

Tag 1 (Montag) - Meditation

Dass genau heute Tag 1 meines kleinen Experimentes ist, scheint ziemlich passend, da ich heute morgen auch den 1. Tag meiner Periode hatte, was, wie viele wissen, nicht gerade der einfachste Teil des Monats für eine Frau ist.

Für mich bedeutet dies: Mehr Schmerzen, mehr Chaos, mehr Angst.

Ich bin heute morgen aufgewacht, in der Hoffnung, nicht ganz so derealisiert zu sein wie die letzten Tage, aber leider stellte sich relativ schnell heraus, dass dem nicht so ist. Aber heute ist nunmal Tag 1 und wir fangen an, egal in welchem Zustand.

Das bisherige Programm sieht folgendes vor:

- Nach dem Aufstehen 10 Minuten Meditation

- mind. 2 Liter Flüssigkeit trinken

- im Laufe des Tages 20 Minuten Meditation

- Dienstags: Yoga

- pro Tag mind. eine weitere Entspannungsübung (progr. Muskelrelaxation, autogenes Training, etc.)

- 2 x min. 30 Min. Ausdauersport in der Woche

- kein unnötiges rumgammeln. Wenn entspannen, dann gezielt.

- kein TV, wenn derealisiert!

Momentan lese ich ein Buch, welches mir die genauere Praxis der Meditation näher bringen soll. Passend zum heutigen Tag Nr. 1 habe ich gestern Abend Teil 1 des Buches "Die Basis" beendet und komme damit heute zu Teil 2 "Die Praxis".

Zunächst kommt die Frage auf: Wie sitze ich am Besten?

Wenn man verkrampft ist oder Schmerzen hat, kann man sich nicht auf die Meditation konzentrieren. Im Buch steht der Lotussitz beschrieben, allerdings bekomme ich noch nicht einmal einen normalen Schneidersitz hin, ohne dass mir nach 3 Minuten die Beine weh tun. Da im Liegen die Gefahr besteht einzuschlafen, entscheide ich mich zunächst für eine aufrechte Sitzhaltung auf der Couch mit von mir gestreckten Beinen.

Was mache ich nur mit meinen Händen?

Empfohlen wird, die Hände unterhalb des Nabels übereinander zu legen, oder sie mit den Handflächen nach unten auf den Oberschenkeln abzulegen. Da ich mich bei der 1. Variante ständig darauf konzentrieren würde, dass meine Hände nicht in meinen Schoß fallen, entscheide ich mich zunächst für die 2. Variante.

Da man mit geradem Rücken sitzen soll, lehne ich mich (so steil es eben geht) an die Rückseite der Couch. Ich könnte auch frei sitzen, aber dann fällt mir das Atmen komischerweise immer schwer.

Das Kinn ist ganz leicht nach unten geneigt, so dass der Kopf ruhig auf dem Hals ruht und der Nacken mit dem Hinterkopf fast schon eine Gerade bildet.

Der Mund ist entspannt, vielleicht sogar leicht geöffnet, zwischen den oberen und unteren Zähnen bleibt ein schmaler Spalt. Die Zunge ruht entspannt im Mund.

Der letzte Punkt überraschte mich ein wenig, denn es wurde empfohlen, die Augen - zumindest nach ein paar Tagen der Eingewöhnung- während der Meditation offen zu halten, da es ansonsten zu einem künstlichen Gefühl von Ruhe und Gelassenheit verführen könnte. Da heute Tag 1 ist, werde ich die Augen - noch - geschlossen halten.

Also versuche ich aller Dinge, welche meinen Geist durchziehen, Gewahr zu sein. Ich fokussiere mich nicht auf sie, versuche aber auch nicht, sie zu unterdrücken. Ich beobachte lediglich, wie sie kommen und gehen, wie sie entstehen und sich wieder verflüchtigen. Ich bin einfach da, im Hier und Jetzt.

Und es funktioniert... Für den Rest des Tages schraubt sich die Derealisierung zurück und kommt nur stellenweise kurz hoch. Gegen Abend kriege ich wieder Unterleibsschmerzen, die Tablette hilft viel zu spät und so liege ich abends wimmernd und halb weggetreten im Bett und schlafe irgendwann erschöpft ein.

14.7.15 20:11, kommentieren