Tag 8 (Montag) - Stabilität

Das Fastenwochenende ist vorbei und ich esse ab heute wieder "normal" bzw. fange mit den Entlastungstagen an. Eigentlich wollte ich ja noch 2 Tage dranhängen, aber ich schaffe es nicht. Das Wochenende ohne Essen war ziemlich anstrengend. Ich hatte noch weniger Energie als sonst, alles ist mir schwer gefallen und wirklich erholsam war es auch nicht. Meditation, Entspannung, Sport... haben wir alles nicht wirklich hinbekommen weil unser Energielevel stets "kurz vorm umfallen" angezeigt hat.

Als wir am Freitag das Pulver zum Abführen getrunken habe, bekam ich auf einmal Panik. Ich oder mein Körper hatte das Gefühl als hätte ich Gift getrunken. Ich schaute meinen Freund an und vergewisserte mich, dass man das wirklich hatte trinken können und als er es mehrere Male bestätigt hatte, war ich ein wenig beruhigt. Aber leider auch mit einem Schlag derealisiert.

Samstags waren wir mit Freunden im Park. Ich war vollkommen derealisiert. Habe mich zwar mit den Leuten unterhalten, war aber eigentlich völlig weg und habe mich selbst reden hören. Zwischendrin immer wieder das Gefühl von Panik, dass ich gleich umfalle, ohnmächtig werde. Ich dringe in solchen Momenten kaum zu mir durch. Es ist alles wie in einem Traum oder als ob ich betrunken wäre, nur dass ich noch geradeaus laufen kann und mich auch normal ausdrücken kann. Wobei ich gemerkt habe, dass mir - wenn ich derealisiert bin - das unterhalten schwerer fällt. Oft fallen mir Worte nicht ein oder ich kann einen Satz nicht richtig zu Ende bringen, weil ich mich nicht konzentrieren kann.

Heute Morgen war ich beim Arzt zur Blutabnahme, weil ich ein großes Blutbild machen lassen möchte. Vielleicht ist da ja was aufschlussreiches dabei. Ergebnisse sind schon morgen da. Manchmal wünsche ich mir, es würde herauskommen, dass ich einfach nur einen Mangel habe, den ich mit Medikamenten ausgleichen kann und alles wäre wieder "normal", ein bisschen so wie früher.

Früher... das scheint mir alles so ewig weit weg. Die Person die ich damals war, bin ich heute nicht mehr. Ich hatte keine Angst, keine Panik, so etwas wie Derealisation kannte ich nicht einmal. Aber war ich glücklich? Ich war unzufrieden in meinem Job, hatte keinen Freund, habe alleine gelebt, ständig auf der verzweifelten Suche nach dem richtigen Partner. Jetzt habe ich alles was ich je wollte und kann es nicht richtig genießen, weil mein Unterbewusstsein mir ständig einen Strich durch die Rechnung macht. Ist das der Preis fürs Glücklichsein? Oder hat sich alles einfach nur so lange aufgestaut und kommt jetzt raus. Jetzt da ich glücklich bin und vielleicht stark genug bin, dass es "rauskommen" kann?

Aber was genau ist es? Meine erste Panikattacke hatte ich im Sommer 2013. Ich hatte ein Date mit einem netten Typen und während wir uns unterhielten, verschlug es mir auf einmal die Sprache. Es war alles weg. Mein Gehirn war leer. Ich schaute ihn erschrocken an und sagte, dass mir schwindelig sei und ich gerade total den Faden verloren hatte. Im gleichen Moment merkte ich, dass ich Durchfall bekam. Ich ging auf die Toilette und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und lief auf wackeligen Beinen zurück. Als ich dann weiter sprach, folgte der nächste Aussetzer. Ich konnte mich einfach nicht mehr konzentrieren und bekam Angst. Wir gingen ein wenig spazieren, was mich ein wenig ablenkte, aber schließlich entschuldigte ich mich und bat ihn mich nach Hause zu fahren, da das wohl heute mit mir keinen Sinn mehr machen würde.

Meine damalige Lebenssituation sah so aus: Ich hatte vor ein paar Monaten erst angefangen in einer neuen Firma zu arbeiten, war im Frühjahr in eine neue Wohnung umgezogen, hatte mir quasi alle Möbel neu gekauft, meine beiden Katzen weggegeben, mich von meinem damaligen Freund getrennt (wobei das nur ein paar Monate waren und ohnehin wenig Zukunft hatte) und hatte meinen Freundeskreis - oder das was noch davon übrig war - verlassen. Meine beiden besten Freunde hatte ich verloren. Den einen durch einen dummen Streit, den anderen weil er Gefühle für mich hatte und ich dummerweise gleich 2 Mal schwach geworden war, ihn danach jedoch zurück gestoßen hatte. Ich hatte mir quasi selber den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich hatte für alles meine Gründe und bereue diese Entscheidung auch nicht, aber vielleicht war es alles etwas viel auf einmal. Ich stand plötzlich ganz alleine da. An den Wochenenden war ich oft alleine zu Hause, niemand rief an, niemand kam vorbei. Nach einiger Zeit meldeten sich dann doch ein paar Leute, nämlich diejenigen, die ich immer für selbstverständlich erachtet hatte und so fing ich langsam an mir alles neu aufzubauen.

Im November 2013 lernte ich dann meinen Freund kennen. Ich war verliebt und von Anfang an sicher, dass ich gefunden hatte, was ich suchte. Und er auch. Alles war toll. Wir planten eine gemeinsame Zukunft. Dann eines Tages gingen wir einkaufen und während ich vor dem Supermarktregal stand, wurde mir schwindelig. Ich hatte das Gefühl als würde ich gleich umkippen und bekam Angst. Ich ging zu meinem Freund und er beruhigte mich. Als wir dann wenig später an der Kasse in der Schlange standen wurde ich erneut nervös. Ich hatte das Gefühl, dass ich einfach nur raus musste. Ich ging also schonmal ins Auto und legte mich dort hin. Wir fuhren nach Hause und während der ganzen Fahrt hatte ich das Gefühl, dass ich unbedingt nach Hause muss. Eine Stunde später war alles wieder vorbei und mir ging es gut.

Ich hatte einen Schlussstrich unter mein altes Leben gezogen weil es für mich zu viele Störfaktoren gegeben hatte. Ich wurde in dieser Zeit von einer Menge Menschen enttäuscht und verletzt. Nur ein paar Monate später hatte ich ein vollkommen anderes Leben mit teilweise neuen Menschen, an einem neuen Wohnsitz. Ich hatte alles ausgetauscht, nur mich selbst nicht. Wer wäre da nicht verwirrt und derealisiert...?

Ich brauche mehr Stabilität in meinem Leben.

20.7.15 12:54

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